[Rezensionsexemplar] Leinsee

Infos zum Buch

von Anne Reinecke
Erschienen 28. Februar 2018
Hardcover 368 Seiten
Verlag Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07014-9

Inhalt

Karl ist noch nicht einmal 30 und hat sich schon als Künstler in Berlin einen Namen gemacht. Er ist der Sohn von August und Ada Stiegenhauer, ›dem‹ Glamourpaar der deutschen Kunstszene. Doch in der symbiotischen Beziehung seiner Eltern war kein Platz für ein Kind. Nun ist der Vater tot, die Mutter schwer erkrankt. Karls Kosmos beginnt zu schwanken und steht plötzlich still. Die einzige Konstante ist ausgerechnet das kleine Mädchen Tanja, das ihn mit kindlicher Unbekümmertheit zurück ins Leben lockt. Und es beginnt ein Roman, wild wie ein Gewitter, zart wie ein Hauch.
Bild- und Textquelle: Diogenes Verlag

Cover

Typisch Diogenes! Ich finde es sehr toll, dass ein Gemälde auf dem Cover abgebildet ist. Es passt thematisch fantastisch zu dem Buch, bringt aber auch eine angenehme Farbigkeit auf den weißen Hintergrund, ohne das typische für diesen Verlag zu verlieren.

Meine Meinung

Leinsee ist das erste Buch aus dem Diogenes Verlag, dass ich freiwillig lese. In der Schule durfte ich Das Parfüm lesen und es war für mich keine sonderlich gute Erfahrung, dem entsprechend habe ich mich nicht mehr an den Verlag herangetraut. Irgendwie habe ich mich noch nicht erwachsen genug gefühlt. Bis ich auf der Leipziger Buchmesse dieses Jahr gemeinsam mit Nicci, Sarah, Jill und Becca zur Blogger-Veranstaltung von Diogenes gegangen bin. Wow, da haben sie mich sehr positiv überrascht. Ebenso wie dieses Buch.

Anne Reinecke war auf der Verantstaltung und hat die ersten Seiten aus ihrem Buch vorgelesen. Sie konnte mich bereits mit den ersten Sätzen voll überzeugen.

Dieses Gelb war unangemessen. Woher die Farbe kam, konnte Karl sich nicht erklären. Soweit er sich erinnerte, hatte er nichts Gelbes gegessen. Seit zwanzig Minuten kotzte er sich – ja, was eigentlich – aus dem Leib.
– Anne Reinecke, Leinsee S. 7

Man trifft Karl an einem seiner Tiefpunkte. Er ist Künstler und reist gerade von Berlin nach Leinsee, auf das Grundstück seiner Eltern. Die Autorin fackelt auch nicht lange, sondern steigt direkt mit voller Wucht in das Thema ein. Es geht um Verlust, um Trauer, das Verhältnis von erwachsenen Kindern zu ihren Eltern und wie man mit einer Mischung aus all dem fertig werden soll.

Karl ist eine besondere Figur. Er ist stark geprägt von seinen Eltern, die ein berühmtes Künstlerehepaar waren und ihn als Kind in ein Internat gesteckt haben. Seit er denken kann, haben sie sich im gegenüber distanziert verhalten. Genau so distanziert schreibt die Autorin und auch Karl denkt manchmal so. Er hat einen Blick auf die Welt, als läge klarer Wackelpudding dazwischen. Viele Eindrücke und äußere Einwirkungen scheinen bei ihm sonderbar gedämpft anzukommen. Trotz dieser  Distanz kann man Karl als Leser verstehen und nachvollziehen. Er mag in seiner kleinen Blase schweben und abgeschottet von der Welt sein, aber er ist immer noch ein Mensch und manchmal hatte ich den Eindruck, er lernt das in diesem Buch auch wieder über sich selbst. Zu Beginn wirkt er verloren, haltlos, umgibt sich mit den falschen Menschen und ist nur darauf bedacht, sich unabhängig von seinen Eltern einen Namen zu machen. Seine mürrische und sture Art haben mich nachhaltig beeindruckt, er bietet der Welt auf seine Art die Stirn.

Doch Karl muss diesen Kampf nicht allein bestreiten. Mehr oder weniger an seiner Seite ist Tanja. Zu Beginn der Geschichte ist sie ein kleines Mädchen. Völlig frei scheint sie immer wieder im Garten von Leinsee aufzutauchen, bis sie Karl irgendwann nicht mehr stört, er sie sogar als Freundin ansieht. Sie bringt eine gewaltige Ruhe in Karls leben. Ruhe, die man aber nicht mit Stille, sondern eher mit Entspanntheit, Gelassenheit und Ausgeglichenheit gleichsetzen könnte. Natürlich heilt sie ihn nicht sofort von all seinen Marotten. Sie inspiriert und bestärkt ihn in seinem Tun, sie interessiert sich für seine Kunst und gemeinsam erschaffen sie kleine Kunstwerk. Ihre Freundschaft sie ist gleichzeitg schräg und etwas gruselig an manchen Stellen, aber auf der anderen Seite bringt sie in Karl eine fürsorgliche Seite hervor, die er ohne Tanja niemals entdeckt hätte.

Alles in allem kann man durchaus sagen, dieses Buch ist skurril, aber auf eine positiv Art und Weise. Der Schreibstil ist so anders, als alles was ich jemals gelesen habe.

Das Gute an einer Erektion ist, dass e sein Ziel gibt, dachte Karl und es ist eine ehrliche, unmissverständliche Äußerung.
– Anne Reinecke, Leinsee S. 114

Die Autorin hat mich mit ihrer Wortwahl und dem Stil oft zum Lachen gebracht, gleichzeitig schreibt sie tiefgründig und wirklich außergewöhnlich. Man verliert sich trotz der schwierigen Thematik in den Seiten. Die Überschriften sind alle perfekt durchdacht und ich war desöfteren gespannt, was sich hinter dieser oder jenen Farbe nun verbirgt. Gemeinsam mit Sarah und Nicci habe ich mir zum Ende hin wilde Fantasien gesponnen. Wir haben das Buch wirklich genossen und es hat unglaublich viel Spaß gemacht, die Geschichte von Karl gemeinsam zu entdecken, denn drei Augenpaar sehen deutlich mehr als nur eines.

Als Fazit kann ich nur sagen: Wow! Das hatte ich so nicht erwartet. Obwohl bereits auf wenigen Seiten deutlich wird, was für einen außergewöhnlichen Schreibstil die Autorin hat, konnte er mich auch zum Ende hin noch begeistern und überzeugen. Das Buch ist geschrieben, wie ein Aquarell gemalt wird. Es fühlt sich beim lesen wie ein Gemälde an, was nicht nur mit den vielen Farbanspielungen zusammenhängt. Ein Kunstwerk zwischen zwei Buchdeckel und ich kann es euch nur wärmstens Empfehlen.

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars.

Weitere Rezensionen findet ihr bei
Trallafittibooks
Sarah Ricchizzi
Jules Leseecke
Lesen in Leipzig

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6 Gedanken zu “[Rezensionsexemplar] Leinsee

  1. Liebe Marion,
    hach durch deine schöne Rezension, konnte ich noch einmal durch den Roman leben 🙂 Ich habe Leinsee wirklich sehr genossen. Gerade der Schreibstil und Karls Art zu denken, hatten es mir wahnsinnig angetan. Ein wirklich außergewöhnliches Buch. Ich bin sehr gespannt auf all die Werke, die uns die Autorin noch bescheren wird 🙂

    Alles Liebe & vielen lieben Dank für deine Verlinkung :)!
    Sarah

    Gefällt mir

    • Liebe Sarah,

      vielen Dank! Ich bin sehr froh, zu diesem Buch gegriffen zu haben und noch schöner war es, gemeinsam mit euch durch Karls Gedankenwelt zu wandern. Ich fand eure Kommentare wirklich sehr bereichernd. Dir und Nicci sind oft Dinge aufgefallen, über die ich in meiner üblichen Hast hinweg gelesen habe 🙂

      Alles Liebe,
      Marion

      Gefällt mir

  2. „XY ist das erste Buch aus dem Diogenes Verlag, dass ich freiwillig lese. In der Schule…“ – ich kann mir vorstellen, dass es echt vielen so geht 😀

    Richtig toll, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat.
    Es war wahrlich ein besonderes Lesen, vor allem der Austausch mit euch war mal wieder total schön ❤

    Liebe Grüße,
    Nicci

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    • Oh ja 😀 ich glaube ich bin da wirklich kein Einzelfall und jetzt bin ich gehooked 😀 Seit ich den Newsletter bekomme wächst meine Wunschliste stetig an und ich möchte so viele Bücher aus dem Verlag lesen. Das hätte ich selbst niemals für möglich gehalten!!

      Mir hat der Austausch mit euch so gut getan! Ohne deine Hinweise hätte ich vermutlich so vieles übersehen und überlesen. Das hat mein Leseerlebnis definitiv bereichert.
      ❤ Liebe Grüße,
      Marion

      Gefällt 1 Person

      • Hach, die haben aber auch richtig tolle Bücher im Programm. Am 25. erscheint Am Seil, das fand ich richtig richtig toll..

        Oh das freut mich sehr ❤ Gemeinsames Lesen macht das Ganze immer noch viel schöner!

        Gefällt mir

  3. Pingback: Rezension | Anne Reinecke – Leinsee – Trallafittibooks

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